Die Zimmerbergler auf dem Dach der Schweiz(Fotos folgen in Kürze!)
Der Dom, ein magisches Wort, hat schon seit Kindesbeinen einen besonderen Reiz auf mich ausgeübt. Wir lernten brav in der Schule, dass der Dom der höchste ganz in der Schweiz gelegene Berg sei. Obwohl dies schon 35 Jahre her ist, nehme ich an, dass sich dies in der Zwischenzeit nicht geändert hat.
Alles, was in der Schweiz Rang und Namen hat, wird irgendwie nach dem Dom benannt, vom Vogel (der Dompfaff) bis zu einem Tal (das Domleschg), und sogar in Rom steht einer; aber der richtig echte Dom steht im Wallis (lat: das Tal) und ist 4545m hoch.
In einem überfüllten Schnellzug kämpfte ich mich durch das Schweizer Mittelland und stieg in Bern auf einen noch überfüllteren Cisalpino mit den chronisch verstopften Toiletten um. In Brig bestiegen Irene Hörmadinger, Stephan Beit und ich den Walliser TGV (Train à Grande Vibration), und in gemütlichem Tempo schüttelten wir gemeinsam gegen Randa zu. Irgendwann hörte das Schütteln auf, wir stiegen aus, sahen uns um und sahen einmal gar nichts. Wir waren auch arg verspätet. Der menschenleere Bahnhof, auf 1408 gelegen, gleisste in der Sonne, kein Lüftchen zu spüren und kein Knochen weit und breit. Ich fühlte mich wie am Anfang des Filmes „Spiel mir das Lied vom Tod"; es fehlte nur noch der markdurchdringende Ton einer Mundharmonika.
Ich vergass die Mundharmonika schnell, und fröhlich wanderten wir mit Peter Iten, der uns zwischen Beiz und Kirche abgefangen hatte, durch frisch gemähte Matten und erreichten bald den Rest der Gruppe; das waren Florian Hug und seine nimmermüde Frau Susanne. Susanne hatte sich extra für dies Tour ein Paar neue Sandalen ersteigert. Hansruedi Wyss, Roland Oberholzer, Bill Herrmann, Hanspeter und Vreni Reinhard erwarteten uns ebenfalls, was natürlich als Zeugnis einer ausserordentlichen Höflichkeit aller zu deuten ist; na was denn sonst?
Der Dom liegt auf 4545m. Schlaue Zimmerbergler berechnen schnell einen Höhenunterschied von sage und schreibe 3137m, den wir zuerst leichten und dann immer schwereren Schrittes Meter um Meter erklommen. Bei der Europahütte stärkten wir uns, und weiter ging es frisch bergan zur Dom-Hüttte. Der Weg führte steiler über Leitern und Stufen. Eine Vielfalt an Bergblumen säumte den Pfad. Ein paar Prachtsexemplare Edelweiss erheischten unsere Bewunderung. Die verblühten Küchenschelle wurde von uns wegen ihres besonders wilden Aussehens „Tschudermann" genannt. Sogar zwischen den Stufen blühte allerlei Kraut; die könnten auch wieder mal jäten diese Walliser.
Bei 2940m schaute ich kurz auf meinen Höhenmesser und stellte fest, dass wir im Parterre der Dom-Hütte angelangt waren. Wer erst bei 2942m stoppte fand sich bereits im Massenlager. Ich pflasterte meine Füsse, weil sich in den noch beinahe neuen Schuhen die ersten giftigen Blasen gemeldet hatten. Peter, unser Tourenleiter und high-tech-Freak führte uns seine neueste Errungenschaft vor: ein Sauerstoff- und Pulsmessgerät. Man musste nur seinen Finger, die Nägel frisch gekaut, reinstecken und warten. Wer den Wert Null auf dem Display sah war entweder tot, oder die Batterie des Gerätes war am Ende. Dies war natürlich bei keinem von uns rassigen Zimmerberglern der Fall. Somit stand der Erklimmung des Domes am nächsten Tag nichts im Wege. Wir stellten noch unsere Seilschaften zusammen und repetierten kurz unsere Seilkenntnisse. Dies war eine gute Sache und half sicher manchem, gewisse Griffe wieder zu automatisieren. Wie man ein Seil ohne den Gebrauch des Sackmessers verkürzt muss einfach sitzen, und zwar gut, sonst gibt's schnell ein Puff, wenn man am Berg klebt.
Der verheissungsvolle Tag nahte. Der Hüttenwart hatte den Hahn am Vorabend schlecht gefüttert, somit krähte der vom Hunger geplagte Hahn erst das Huhn an, welches gackernd herum flatterte und den Hüttenwart aus dem Schlaf riss. Dann weckte der Hüttenwart seine Frau, diese weckte seine Gehilfen, welche für allerhand Radau sorgten, was schluss und endlich auch mich weckte. Es war 3.30 in aller Herrgottsfrühe, und niemand dachte mehr ans Schlafen. Ein jeder stopfte sich in der völlig überfüllten Hütte gierig ein Frühstück in den Schlund. Um 04.20 Uhr setzte sich geduldig ein Zug von langsam tanzenden Stirnlampen gegen den übermächtigen Berg in Bewegung. Diesmal dachte ich an jene Stelle im Film „Goldrausch", wo sich endlose Karawanen von schwer beladenen Goldgräbern über den Chilkoot Pass mühten. In Goldgräberstimmung waren wir allemal.
Beim Gletschereinstieg seilten wir uns an. Über den noch beinhart gefrorenen Festigletscher zog unser Tross weiter. Als es langsam tagte, waren wir bereits unter dem Festijoch angelangt. Wir kletterten und angelten uns höher und höher. Ab und zu ein Schnauben von Irene und das Kratzen von Roland's Steigeisen auf dem Fels waren zu vernehmen. Das Klappern von Susanne's Sandalen war nicht mehr zu hören; denn sie hatte diese in der Zwischenzeit gegen ein Paar richtige Bergschuhe eingetauscht.
Nach dem Festijoch befanden wir uns bereits auf 3700 und stiegen ein kurzes Stück auf dem Hobärggletscher in nördlicher Richtung ab um dann gleich wieder einen scharfen Anstieg in Angriff zu nehmen. Trotz des akuten Klimawandels schmolzen die Stunden schneller dahin als der Gletscher. Die Luft wurde spürbar kälter, und immer noch war kein Gipfel in Sicht. Manchmal drehte ich mich um und bewunderte die wunderbar vereiste Nordostflanke des Weisshorns in der Morgensonne. Es war einfach atemberaubend. Das monotone Knirschen unserer Steigeisen übertönte unseren steifer werdenden Atem. Ich achtete auf meinen Höhenmeter, und bei 4000m konnte ich mir einen Freudesschrei nicht verbieten. „Ich bin bereits bei 4010m", meinte trocken Stephan.
Blick auf das Weisshorn
Die letzten 545m zeigten sich von ihrer steilen Seite. Unsere Schritte wurden langsamer und unser Atem tiefer. Langsam kämpften wir uns höher. Jeder Meter wollte mit Schweiss und Geächze verdient sein. Wir erreichten das obere Ende des Festigrates. Ein heftiger Wind pfiff uns um die Ohren und fegte uns unbarmherzig Eiskristalle ins Gesicht. Meine Frau bezahlt für ein Gesichtspeeling viel Geld bei der Kosmetikerin; wir kriegen es gratis. Wir zogen uns wärmer an, sogar Florian zog seine Kappe bis über die Nase. Plötzlich wurde der Grat flacher, und es ging nur noch bergab. Dies war als ein untrügerisches Zeichen zu werten, dass wir auf dem Gipfel des höchsten ganz in der Schweiz gelegenen Berges auf 4545m angelangt waren. Ein wunderbar freudiges und befriedigendes Gefühl überkam mich. Die Sicht war fantastisch. Über den Berner Alpen lagen dicke Wolken. Das Matterhorn war von Nebelfetzen umgeben. Nördlich von uns lag das Nadelhorn, das wir Zimmerbergler im letzten Jahr bestiegen hatten, gefolgt vom Stecknadelhorn und dem Hobärghorn. In östlicher Richtung lag das Lagginhorn zu unseren Füssen, einer meiner ersten Viertausender überhaupt und im Übrigen ein riesiger Haufen alpiner Steinschrott. Sogar der Kilimanjaro glänzte im fernen Afrika; allerdings konnte man ihn nicht sehen, weil die Pyramiden in Aegypten die Sicht versperrten.
Ich wollte meine obligaten Gipfelfotos schiessen. Leider hatte die Kälte dem Akku meiner Kamera nicht gut bekommen. Nichts ging mehr. Auch ein leises Schimpfen half nicht, aber es tat trotzdem gut. Wir wollten nicht mehr manche Stunde oben in der Kälte warten und Peter blies heroisch zum Abstieg.
Das Matterhorn in der Ferne
Auf dem Gipfel des Doms
Unsere Schritte wurden erstaunlich schnell. Kaum zu glauben, dass ein Schritt Abstieg uns noch vor einer Stunde drei Schritte Aufstieg gekostet hatte. Auf dem Hobärggletscher bewunderten wir einen fantastischen Gletscherabbruch, den ich schnell den Mini-Khumbu Eisbruch nannte. Bedrohlich thronten die 10 oder 20 Meter hohen Eismauern auf dem Fels, als wollten sie jeden Moment losbrechen und uns das Fürchten lehren. Mit jedem Meter des Abstieges brannte die Sonne unerbärmlicher auf unsere eh schon erhitzten Köpfe. Vor dem Festijoch entledigte ich mich meines Pullovers, bald darauf öffnete ich die Seitenschlitze meiner doch so warmen Bergsteigerhose und.... Wer jetzt noch weiter liest, den bezichtige ich nächstens der unanständigen Neugier.
Blick auf den Mini-Khumbu Eisbruch
Blick auf den Nadelgrat
Einige von uns hatten vor, in der Europahütte zu nächtigen. Ich freute mich bereits auf hoch gelagerte übel riechende Füsse und ein besser riechendes Bier auf der Sonnenterrasse. Leider zeigte sich der Wirt eher von seiner unfreundlichen Seite, schimpfte etwas herum, dass dies eben trotz Buchung nicht ginge und überhaupt und Punkt. Stephan und ich waren ob dieses Punktes nicht sonderlich erfreut, und beschlossen kurzerhand, hinunter nach Randa zu stürmen, um den Zug nach hause noch zu erwischen. Ich glaube wir stellten einen neuen Streckenrekord auf. Wir rannten förmlich durch den Lärchenwald, dass die Nadeln nur so stoben. Ein paar Steinböcke, auf die wir unterwegs stiessen, mochten sich gewundert haben, wer es wohl auf unsere Leben abgesehen hätte. Der Walliser TGV ratterte in den Bahnhof wie wir ihn erreichten. Der Rest ist Geschichte. Kurz vor Mitternacht erreichte ich mein trautes Heim in Richterswil. Ein sehr langer, anstrengender und fantastischer neigte sich rasch seinem Ende zu. Richtig, wir waren bereits 20 Stunden auf den Beinen.
Einen herzlichen Dank an Peter Iten für die Organisation dieser Tour, ebenso an alle Seilführer und allen BergkollegInnen vom Zimmerberg für die super Kameradschaft. Stellt' Euch vor, ich hätte ganz alleine auf dem Dom gestanden. Das wäre schön langweilig gewesen.
Text von Christof Jud, Fotos von Stephan Beit und Christof Jud
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