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Tourenbericht Val de Bagnes Drucken E-Mail
Sulz und Pfeffer im Val de Bagnes

 

25. April: Bei warmem Frühlingswetter erreichten wir mühelos die Cabane Brunet auf 2104MüM im Val de Bagnes. Es war bereits Essenszeit. Bald einmal schlürften wir unsere säuerliche Gemüsesuppe, kauten auf einem säuerlichen Geschnetzelten und wählten einen Wein aus, der, na ja, wie soll ich sagen? Der Unterschied zwischen einem Zimmerbergler und dem Wein war, dass dieser seine besten Tag bereits hinter sich hatte, während dem wir diese noch klar vor uns sahen. „Wir“, das waren unsere beiden Super-Bergführer, Adi Furrer und Tino Planzer, die bekanntlich keine Eiswand in den Alpen scheuen, dann Walter Berg, Stephan Dürr, Anni und Rolf Etter, Erich Gull, Hans Heusser, Christof Jud (das bin ich), Jörg Luster (von ihm stammen die Fotos), Fabrizio Ricci, Peter Stauffer und Günter Töfferl, wobei wir bekanntlich auch die beiden besten und unerschrockensten Bergführer Adi und Tino nicht scheuen. Somit passten wir alle gut zusammen.

 

26. April: Von der Cabane stiegen wir auf den Mt. Rogneux auf 3084MüM, keine schlechte Leistung für unseren ersten Tag. Wir erklommen 1335 Meter. Oben angekommen lutschte Tino erst einmal durstig an seiner Feldflasche und verzog sein Gesicht: „Aha, d’Siiri (die Säure) pflanzt sich fort“, als ob sich Säure fortpflanzen könnte. Um sich fortzupflanzen, braucht es männliche und weibliche Säure. Tino, wie geht das schon wieder mit den Bienchen?

 

Während der Abfahrt war es anfangs noch recht neblig; doch Tino’s Stumpen wies uns den Weg auch bei noch so schlechter Sicht, immer der Nase nach und nicht husten. Gegen Mittag trafen wir wieder bei der Hütte ein. Die Hüttenwartin wartete mit einer fantastischen croûte de fromage auf. Wir hatten ihre Kochkünste am Vortag offensichtlich unterschätzt. 

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Adi’s und Tino’s Abfahrtsvorbereitungs-Ritual

 

Abends sassen wir gemütlich zusammen und politisierten was das Zeugs hielt. Für dieses, gegen jenes, und überhaupt sollte der Bundesrat endlich einmal und der Nationalrat sowieso. Walter erregte sich köstlich wegen der „Mameli Tschäderli Butzerli“; damit waren die kleinen Schosshündchen gemeint; weil diese eben genannten Viecherchen nach Walter’s Ansicht während des Biken's ihm eine Oktave zu hoch nachkläffen. Je nach Alter und Rasse würden diese Mameli Tschäderli Butzerli eben verschieden kläffen, und das könnte einen eben auch verschieden nerven, und dagegen müsste von politischer Seite unbedingt entschieden eingeschritten werden.

 

Bei den „Mameli Tschäderli Butzerli“ müsste man unterscheiden; denn es gäbe die Kleinen der kleinen Rassen, das wären die Schlimmsten, dann gibt es die Grossen der Kleinen  und die Kleinen der Grossen, die beide die mittlere Grösse darstellten, und am oberen Ende der Skala gäbe es noch die Grossen der Grossen, wobei diese gemäss Walter überhaupt keine Probleme bereiteten würden; das hat er uns sowohl eindrücklich als auch ausdrücklich bestätigt.

 

Als sich dann die enorme Tragweite dieses Sturmes im Wasserglas dadurch entblösste, dass alle Gäste in der ganzen Hütte in schallendes Gelächter ausbrachen, nahm auch Walter’s Gesicht wieder die gewohnt freundlichen Züge an. Ach Walter, wir lieben Dich alle. Als daraufhin unser lieber Adi die Tagwache für 04.00 verkündete verstummte das Gelächter schnell wieder. 

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Neugierige vor der Cabane de Brunet

 

27. April: Wir wünschten dem Hüttenehepaar ein herzliches “Au Revoir“ und schlurften schon bald unsere Skier über den gefrorenen Sulz. Der Tag sollte anstrengend werden, wollten wir doch zuerst die Pointe de Boveire auf 3160 Metern erklimmen, dann über den Col des Avouillons auf 2863 Metern zum Glacier de Corbassière absteigen um dann zur Cabane F. X. Bagnoud (ehemalige Cabane de Panossière) auf 2645 Metern aufzusteigen. Diese Hütte wurde nach dem in Mali bei einem humanitären Einsatz ums Leben gekommenen Walliser Helikopterpiloten François Xavier Bagnoud benannt.

 

Auf der Pointe de Boveire genossen wir eine Super-Sicht. „Dort thront der Petit Combin; auf den werden wir morgen steigen“, erklärte Adi. Die Abfahrt von der Pte. de Boveire gestaltete sich sulzig und rassig, eben richtig „Sulz und Pfeffer“. Auf einmal brach der aufgeweichte Sulzschnee unter mir ein, und ich versoff hoffnungslos in einem Loch. Dies sollte noch einigen von uns so ergehen. Der Abstieg vom Col des Avouillons war extrem rutschig und aufgeweicht. Wie wir den Glacier de Corbassière erreichten, eröffnete sich eine freie Sicht auf den Grand Combin; dies als Vorgeschmack der Abenteuer der nächsten Tage.

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Majestätisch thront der Grand Combin

 

28. April: „Tac, tac, tac, tac,…….“ so monoton ertönte am frühen Morgen das Echo unserer Skibindung vom Grand Combin zurück. Der Aufstieg über den sanft ansteigenden Glacier de Corbassière gestaltete sich einfach. Der Schnee war zwar beinhart gefroren; und doch war die Luft bereits angenehm warm, und nur manchmal säuselte ein kühles Lüftchen um unsere Ohren. Wir querten den oberen Teil des Glacier des Follat und stiegen bald auf den Petit Combin auf 3672MüM. Es war wunderschön; wir genossen eine Super-Sicht zwischen Tödi und Mont Blanc. Direkt vor uns beeindruckte der Grand Combin mit seiner imposanten völlig vereisten Westflanke und dem zerklüfteten Glacier du Grand Combin. Le Corridor schien nicht mehr so steil aus dieser Perspektive, doch er blieb wegen dauernden Eisschlages sehr gefährlich, und oft hörten wir ein geheimnisvolles Krachen. Dieser Corridor sollte uns später noch tief beeindrucken. „Wer möchte noch mit auf den Combin de Corbassière (3715MüM) steigen?“ fragte Tino, „also, beeilt Euch!“ und ebenso schnell wir er sprach schwang er sich in seine Skier. „Lieber Tino, wenn Du mit uns auf den Corbassière steigen willst, müsstest Du eventuell nicht verkehrt in Deine Bindung steigen.“ Wie auch immer, wir zogen los. Im oberen Teil des Aufstieges gaben meine Felle den Geist auf. „Gopfridstutz, so ein Mistzeug, Tino, ich komme zu Fuss!“ Der Schnee war noch hart gefroren, und ich versuchte, mit meinen Schuhen kleine Stufe zu schlagen um nicht postwendend wieder runter zu rutschen. Das war zwar anstrengender, aber es ging so schlecht auch wieder nicht. Oben angekommen hatten wir ganze 1400 Meter an Aufstieg geleistet. Wow!! 

 

Die Abfahrt über den Glacier des Follats war vom Feinsten, was das Val de Bagnes zu bieten hatte. Tino suchte uns natürlich nicht nur eine spaltenfreie Abfahrt, sondern auch den schönsten Sulz aus. Ich fühlte mich verwöhnt wie beim besten Metzger der Stadt: „Welches Sülzle hätten’S denn gerne?“. Die Abfahrt war super-rassig, eben wie Sulz und Pfeffer. Ein Schwung nach dem Anderen und so sausten wir zwischen Spalten und Seraks, immer treu in Tino’s Spur, den steilen Gletscher hinunter.

 

Bei einem fantastischen Nachtessen prahlten wir von unserem erlebnisreichen Tag. Peter’s selbstgebrannter Quittenschnapps half uns, die richtigen Worte zu finden. Peter, Deine Quitten sind wunderbar.

sac_val_de_bagnes__06.jpgIm Aufstieg zum Tournelon Blanc

 

29. April: Heute stand der Tournelon Blanc mit seinen 3707MüM auf dem Programm. Das bedeutete wieder ein Anstieg von 1300 Metern; na das sollte ja wohl noch möglich sein, uns so zogen wir wiederum guten Mutes unsere Kurven. Der Anstieg über den Glacier du Grand Combin (im nicht Eisschlag-gefährdeten Abschnitt) war noch recht steil; doch rassige Zimmerbergler wie wir würden sogar noch einen überhängenden Gletscher mit Leichtigkeit meistern. Der oberste Anstieg war bereits ausgeapert. Wir erstellten unser gewohnt organisiertes Durcheinander von einem Skidepot und stiegen durch steiles Geröll dem Gipfel entgegen. Wo es nicht rutschig war, war es wenigstens gefroren und entsprechend glitschig. Es hiess also aufgepasst.

 

Der Nordhang erlaubte uns noch eine super-rassige Abfahrt, wow!! Doch wir bezahlten den Spass teuer mit einem anstrengenden Gegenanstieg. Es hat eben alles seinen Preis. Doch bald schwangen wir den Glacier du Grand Combin hinunter. Dieser hatte lange im Schatten gelegen und war immer noch entsprechend gefroren. Also, Nerven behalten und nicht auf die Schn… fallen, sonst stoppst Du erst 500m weiter unten auf dem Glacier du Corbassière wieder. Wir hielten nur kurz inne, um tief zu durchzuschnaufen, da stockte uns allen wirklich der Atem.

sac_val_de_bagnes__08.jpgRassiger Tiefblick vom Tournelon Blanc

 

Wo wir alle auf den Grand Combin blickten, löste sich vom überhängenden Gletscherabbruch eine etwa 50m breite Eismasse. Langsam kippte diese vornüber und donnerte mit einem ohrenbetäubenden Krachen sur le Corridor und weiter über die darunter liegenden Felsenwände etwa 800m zu Tal um unaufhaltsam in einer riesigen Eiswolke aufzugehen. Diese verwandelte sich wie ein superschnell wachsendes Gewächs in immer neue und noch fantasievollere Formen und erreichte mit jeder Sekunde noch grössere und bedrohlichere Ausmasse. Die Eiswolke stieg auf und gleichzeitig wälzte sie sich unaufhaltsam auf uns zu. Alleine, wir befanden uns noch etwa 200 Meer über dem Glacier de Corbassière und betrachteten das ganze atemberaubende Spektakel aus einer sicheren Entfernung, die jedoch mit jeder Sekunde geringer wurde. Langsam hatte sich die Wolke selber zu Tode gewachsen; das Grollen verstummte und die Formen begannen sich zu verlieren, und am Ende fanden auch wir wieder unseren Atem zurück. Das war unglaublich; die Gewalten der Natur.

 

In der Zwischenzeit hatte sich unser lieber Hüttenwart, der das Naturschauspiel von weiter Fern mitbekommen hatte, Sorgen um unser Leben gemacht. Er hatte uns den Gletscher runterkurven gesehen, uns dann aber aus den Augen verloren. So hatte er den Helikopter, der gerade bei ihm Halt machte, auf einen Kontrollflug geschickt. „Ils sont encore treize“, hatte der Pilot zurück gefunkt. Uff!. Ich denke, er war auch froh, noch für alle kochen zu dürfen; er kochte nämlich ausgezeichnet. Adi hatte uns bereits am Vorabend vor diesem Corridor gewarnt, und auch der Hüttenwart hatte gesagt, dass kein gesunder Bergführer sich durch den Corridor wagen würde. In der Tat lag in der Hütte eine Karte auf mit der Warnung: „Höchstens im Abstieg und mit Vollgas zu empfehlen.“ Ich würde nicht einmal mit Vollgas dort runter fahren.

 

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Eislawine vom Grand Combin über den Corridor

 

Langsam legte sich die ganze Aufregung wieder, es war früher Nachmittag geworden und wir taten uns an einer Rösti gütlich. Unser lieber Adi hatte bald mehr Angst vor einer „Härdepfelvergiftig“ als vor einem Eisschlag. Ein guter Rotwein entpuppte sich als ideales Gegengift. Der Hüttenwart war ein regelrechter Spitzenkoch; servierte er uns zum Nachtessen einen fabelhaften Linseneintopf mit Speck und geräuchtem Halsstück. Mit vollem Genuss liess ich mir die Schwarte in meinem Munde zergehen, wohl wissend, dass diese Kalorien am nächsten Tag wieder auf dem Gletscher liegen bleiben würden. Adi warnte uns eindrücklich: „Morgen geht’s zur Sache. Alpine Vollbewaffnung mit Steigeisen, Pickel und Seil ist angesagt.“

 

30.April: Wie von Adi angeordnet, standen wir zur amtlich befohlenen Zeit am befohlenen Ort mit der befohlenen Vollpackung. Im gewohnten gut gelaunten Tramp stiegen wir den sanft ansteigenden Glacier de Corbassière hoch. Wir begannen, diesen Gletscher zu lieben. Er gab sich majestätisch in der Grösse und sanft im Anstieg. Grosszügig erduldete er die regelmässigen Eisschläge vom Clacier du Grand Combin und ebenso grosszügig liess er uns über seinen Rücken steigen. Der Anstieg über die etwa 150M hohe SW-Flanke des Combin de Boveire war steil, doch nach kurzem Schnaufen und Schnauben war der Combin de Boveire mit seinen 3663MüM unser. Wir genossen eine super klare Sicht auf den furchteinflössenden Glacier du Grand Combin, über dem in aller alpinen Pracht sein Vater, der Grand Combin ruhte. Von Süden zogen bereits bedrohlich Wolken auf. Die sonnigen Tage schienen also abgezählt. Eine direkte Abfahrt zur Hütte hätte natürlich unseren alpinen Ambitionen zu wenig Rechnung getragen; so ging’s eben erst noch auf eine weitere kleine namelose Bergkuppe auf 3500MüM. Wir stiegen auch an diesem Tag immerhin 1300M auf. Die darauf folgende Abfahrt war wiederum fantastisch. Peter ging hoffnungslos tauchen; der aufgeweichte Sulz gab einfach unter seinen Füssen nach. Lieber Peter, im nächsten Winter nimmst Du auch noch den Schnorchel mit.

 

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Im Schwung runter vom Combin de Boveire

 

1. Mai: Der Tag der Arbeit war für uns sicher der Tag des Abschiedes von diesem wunderbaren Val de Bagnes. Wir verpassten extra die 1. Maikundgebung und stiegen wieder wie gewohnt den wunderbaren Glacier de Corbassière hinauf, diesmal defintiv unserem geliebten Kanton Zürich entgegen. Unsere Tour sollte über den immerhin 3459M hohen Col de Panossière zuerst nach Bourg St. Pierre im Val d’Entremont führen. Etwa 30m unter dem Col de Panossière ging’s noch ein letztes Mal so richtig gebirgig steil zu und her. Wir banden unsere Ski auf den Rucksack, schulterten Sack und Pack und stiegen unter der schweren Last  ächzend erst durch ein steiles aber nicht all zu langes Eisfeld. Unsere lieber Adi pickelte für uns natürlich Stufen. Dann kraxelten wir weiter um einen Felsvorsprung um dann über Gestein und gefrorenen Schnee dem Pass entgegen zu stapfen. Dieser Anstieg entpuppte sich als eine heisse Sache, und Adi legte dann doch noch ein Seil. Oben angekommen fegte ein kräftiger Wind über den Pass und kündigte unmissverständlich schlechtes Wetter an. Uns konnte dies egal sein; wir hatten eine Woche lang eine fantastische Sonne genossen. Je tiefer wir den Berg runter fuhren, desto fauler wurde der Sulz. Es war nichts mehr vom Pfeffer und der Rasse der letzten Woche zu spüren. Drei Stunden später sassen wir im lokalen TGV (Tran à Grande Vibration) und rüttelten und schüttelten Martigny entgegen. Wieder einmal haben wir als Bergsteigerfreunde eine Woche in den wunderschönen Bergen genossen. An Adi und Tino einen herzlichen Dank für die Super-Führung, ebenfalls an Erich Gull für die Organisation und Euch alle für die schöne Freundschaft in den Bergen, die ich nicht mehr missen möchte.

 

Test: Christof Jud

Photos: Jörg Luster


 
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Hütten Koordinaten:
Eigentümer SAC Zimmerberg, 8810 Horgen
Höhe ü. Meer: 2208m
Schlafplätze 60
Winterraum 20

Anreise Intschi:
Ausgangspunkte:
Arnisee (Seilbahn Intschi oder Amsteg) (Sommer und Winter) Fahrplan
Intschi (Bus)(Sommer und Winter) Fahrplan 
 
Zustiege:
Intschi - Arnisee - Leitschach
2 h 30'  vom Arnisee
5 h von Intschi T2

GPS-Touren:
Touren zum Herunterladen unter www.gps-tracks.com