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Tourenbericht Turtmanntal - Bishorn Drucken E-Mail

Wieso Zimmerbergler auf dem Bishorn nie Halsschmerzen kriegen

 

An einem nebligen Herbsttag im Jahre 2008 las ich, Christof Jud, Mitglied der Sektion Zimmerberg, in den weltbekannten SAC Clubnachrichten der selbigen Sektion das folgende Angebot:

-  2 Tageskarten der Gemeinde: je 35.- oder:

-  2 Tageskarten der SBB-Aktion (nur mit Halbtax): je 45.- oder:

-  Gruppenbillett retour 1/1: 160.- bzw. Halbtax 80.- oder:

-  Einzelbillett retour 1/1:199.60 oder:

-  Halbtax: 99.80

-  Diejenigen, die ein Gruppenbillett wünschen, melden sich, bitte, bei mir

-  Visp an: 16.02 (halbe Stunde Kaffee- oder Bierpause)

-  Mat. Leichtsteigeisen und Leichtpickel genügen, Gstältli mit 2 Karabiner und Reepschnur

-  Skitourenwoche Turtmanntal - Bishorn

 

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Das geliebte Bishorn im Abendglühn

 

Ich meldete mich an, schon wegen der Tageskarte der Gemeinde. So schrieb die Geschichte dann irgendwann einmal den 26. April 2009 und die Namen der folgenden Helden: Anni und Rolf Etter, Silvia Bucher, Erich Gull, Peter Stauffer, Christof Jud, Fabrizio Ricci, Stefan Dürr, Gerda Rohrer, Hans Heusser, Günter Töfferl, Walter Berg, Louise Koch, Iwan Infanger und Adi Furrer. Seien wir ehrlich; wir Zimmerbergler sind verwöhnte Kerle. Peter suchte uns alle möglichen und sogar die unmöglichen Versionen aus, unverletzt mit der SBB nach Visp zu gelangen. Unter Punkt 7 durfte man sogar zwischen einer Bier- oder Kaffeepause wählen; nur noch trinken muss ich selber.

 

Im Zug bereits freuten wir uns, wieder einmal unter unseres gleichen zu weilen. An den Gesprächen hörte man sofort, dass hier Eingefleischte zusammen sassen. Es wurde heftig über die Abstimmungsvorlage zur Aufnahme der Komplementärmedizin in die Grundversicherung gestritten. Rolf war zuerst in die Samstagsausgabe der NZZ vertieft und las gelangweilt irgendeinen noch langweiligeren Artikel über den Verzehr von Trockenfleisch in den Anden. Ab und zu hob er den Kopf und schmunzelte. Man konnte sehen, die Abstimmungsvorlage fesselte ihn ebenso wie uns alle.

 

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So kalt war’s nun auch wieder nicht, sagte unser Hans

 

Von Visp kurvte uns le car postale auf einer noch kurvigeren Strasse durch das Val d’Anniviers directamment à l’auberge Prilet. Il était vraiment gentil, le chauffeur. „Mais vous pouvez pas réclamez. “ „Non, vous n’inquiétez pas, on va dire à personne.“ Nach Tomatenfondue und Weisswein schliefen wir bald wie die Englein.

 

Noch im Dunkeln stiegen wir auf l’Omen Roso. Im Programm stand eine atemberaubende Abfahrt durch das Frilitälil zum Stausee. Atemberaubend war es; aber nicht wegen der Abfahrt. Der Steilhang war bereits arg ausgeapert. Wir schulterten die Ski und balancierten uns durch Stauden und über glitschige Erde dem Tal entgegen, immer die Angst im Nacken, plötzlich mit Sack und Pack auszurutschen und besonders schnell unten anzukommen.

 

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Aufstieg zur Tracuithütte beim Uuuuuushudle

 

Es begann bereits, leicht zu schneien. „Hast Du gehört, es soll ein Meter Schnee fallen?“ meinte Silvia. „Ja, ja, 2cm haben wir ja bereits, es fehlen nur noch 98“, frotzelte ich zurück. Das Spötteln sollte mir noch vergehen. Es schneite nämlich weiter. Erst fielen 10cm, dann 20, dann 40, dann 60, dann die fehlenden 98, dann 1Meter und 20cm, und es war erst Abend. Am nächsten Morgen schneite es ebenfalls. Adi meinte beruhigend: „Etz schniiiiiiiit’s nüme viel, es isch am uuuuuushudle“. Das Uuuuuuushudle bescherte uns nochmals einen halben Meter Neuschnee. Wir wagten uns trotzdem auf die Ski. Adi und Iwan waren unerschrockene Bergführer. Wir pflügten uns durch den kurzen Steilhang gegen den Talboden, immer schön einer nach dem Anderen. Wehe dem, der stürzte und einen Ski verlor. Walter kann ein Lied davon singen; war er dazu verdammt, eine halbe Stunde lang seinen Ski auszuschaufeln. Fabrizio lernte ebenfalls das Singen, diesmal nicht wegen des „cazzo di vento“, aber er wusste einen Moment nicht mehr was oben oder unten war; er ging buchstäblich tauchen. Ich wusste gar nicht, dass Zimmerbergler so musikalisch veranlagt waren. Wir benötigten für eine Abfahrt von 200m sage und schreibe eine Stunde. Ein kurzer Anstieg durch einen Couloir, und wir kehrten unverrichteter Dinge wieder in die heimeligen vier Wände der Turtmannhütte zurück, und widmeten uns für den Rest des Tages dem süssen Nichtstun.

 

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Unser Führer Adi. Wo habe ich nur meinen Skistock verlegt?

 

 

Am anderen Morgen, es war in der Zwischenzeit der 29. April, schätzte Adi die Bedingungen als akzeptabel ein, und wir zogen von Dannen. Ich weiss nicht, ob wir auf dem Züri Hörnli waren oder auf dem Gottschalkenberg. Es war einfach immer weiss um uns herum, ein bisschen kalt, und es schneite. Es war schon seit zwei Tagen kräftig am Uuuuuushudle. Ich bewunderte unsere beiden Führer Adi und Iwan. Sie lotsten uns trotz miserabler Sicht gekonnt an Abhängen und grässlichen Spalten vorbei der Tracuit Hütte entgegen. Ab und zu mussten wir die alt bekannten fiiiiiif Meter Abstand einhalten. Zugegeben, manchmal waren es auch zehn; aber das heisst im Kanton Uri gleich wie im Kanton Zürich. Adi krampfte, er spurte über 1200m Höhendifferenz durch 1.50m tiefen Neuschnee. Proscht Nägeli!

 

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Über den Hillary step steigen wir Zimmerbergler auf den Gipfel des Bishorns

 

 

Abends unterhielt ich mich mit Adi über Sicherheit in den Bergen und fragte ihn nach seinen Einschätzungen und seiner Erfahrung. Es war sehr aufschlussreich, und ich habe viel gelernt. In den Bergen hat man nie ausgelernt. Liebe Leser, was wir taten mag sich unten im Tal verrückt angehört haben, es war es aber nicht, und Adi und Iwan verstehen ihr Metier. Auf jeden Fall sagte mir ein Arbeitskollege im Geschäft: „Seid Ihr von allen guten Geistern verlassen?“ als ich ihm mit viel Enthusiasmus unsere Abenteuer schilderte.

 

Die Tracuit Hütte war ein ausgezeichnet geführter Herrenhaushalt. Das Essen und der Wein waren vorzüglich, und der Rest ist bekanntlich nicht allen Herren der Schöpfung gleich wichtig. Noch Fragen? Wir lernten zum Beispiel, dass eine Fahnenstange als Orientierung für ein besonderes Örtchen dienen kann. Dass sie nebenbei auch noch eine Fahne trägt, ist wohl nicht meine Schuld. Die Idee ist auf jeden Fall gut. Ein Hüttenwart muss ja im Winter sicherstellen, dass sein Marschtee nicht plötzlich auch ohne Lindenblüten gelb wird. Täte ein Amerikaner das Gleiche mit seiner Flagge würde er wohl wegen Hochverrats eingesperrt. Auf jeden Fall genossen wir die Tracuithütte in vollen Zügen so wie sie eben war, und die beiden Jungs waren ok. Ich glaube, ihre beiden Mütter hätten wohl die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, aber die waren ja nicht da.

 

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Unsere Gruppe in Siegerpose auf dem Bishorn

 

Als ich am nächsten Tag draussen stand und die Ski anschnallte, war es noch dunkel. Als es langsam heller wurde, wagte ich einen Blick zum Himmel. Dieser war so komisch blau gefärbt, und über den Bergen wurde ein gar ungewohntes Licht immer heller und heller. Ich musste wohl eingestehen, dass dieser Tag ein sonniger Tag werden sollte. Bei fantastischem Wetter stiegen wir von der Tracuithütte auf das Bishorn auf mehr als 4100m. Manchmal fegte uns ein eisiger Wind Schnee ins Gesicht. Aber es wurde ein fantastischer Tag mit einer fantastischen Sicht auf dem Gipfel.

 

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Und noch eine Siegerpose vor dem Weisshorn, von Silvia und Louise

 

 

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Anni und Rolf Etter

 

 

Die Abfahrt war vom Feinsten, was man südlich des Nordpols finden konnte. Einfach ein wunderschöner, weicher Pulverschnee, durch den wir schön der Turtmannhütte entgegen kurven konnten. Adi’s Rezept für besonders schönes Kurven fahren? Immer „hopp und hopp und hopp und etc“ sagen, bis man unten ist. Das ist alles. Ich hab’s versucht, und es funktionierte wunderbar. Ein kurzer Aufstieg lag noch dazwischen. Die Sonne brannte bereits. Wir wollten keine Zeit verlieren. Ohne eine Rast spannten wir die Felle auf, auf dem verschneiten Gletscher aus Sicherheitsgründen immer einen Fuss in der Bindung. Man konnte nie wissen, was unter der Schneedecke war. Ende April konnte die Sonne die Schneedecke schnell aufweichen. Von den Steilhängen sahen wir überall ein paar kleine Lawinen, die sich gelöst hatten. Aber wir hielten uns nicht dort auf.

 

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Nur Mut, hier lernen Zimmerbergler Schanze springen

 

 

Die Turtmannhütte war eingeschneit was eingeschneit sein konnte. Sie sah besonders putzig aus. Wir schaufelten wie die Verrückten, bis sich die riesige Schneedecke in so etwas wie eine Gartenbeiz verwandelte. Adi und Iwan, immer schön angeseilt, befreiten das Dach von der Schneelast. Bald genossen wir ein Bier in der prallen Sonne. Es war fantastisch. Ab und zu rumpelte es ganz kräftig vom Dach, wenn sich eine weitere Ladung Schnee löste. Eine davon fegte direkt zum Toilettenfenster rein, welches ebenerdig lag. Ich musste erst die Toilette frei schaufeln, bevor ich an mein Geschäft denken konnte. Es blieb einem aber auch gar nichts erspart.

 

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Iwan im Schuss, Achtung ich komme!

 

 

Der nächste Tag war wunderbar sonnig. Niemand hätte sich vorstellen, dass uns zwei Tage zuvor noch der Himmel über den Köpfen einbrach. Dafür gab es zwei Tourenoptionen. Eine führte aufs Barrhorn, die andere aufs Brunegghorn, oder Horu, wie die Walliser zu sagen pflegten. Ich wählte das Barrhorn, weil man erstens später aufstehen konnte; aber diesen Grund würde ich nie offen zugeben. Vor Allem war das Barrhorn der höchste Berg der Alpen, den man im Sommer auf normalen Wanderwegen erklimmen kann. Also wollte ich mir diesen Berg mal genauer ansehen in der Absicht, sofern es mir vom Terrain möglich schien, ihn im Sommer mit meiner Frau zu besteigen. Es wurde eine wunderschöne, leichte Skitour. Wir genossen eine wunderbare Fernsicht. Die Abfahrt durch das Tälli war ebenfalls etwas Besonderes, einfach fantastisch. Ja, ich werde versuchen, meine Frau zu überzeugen, das Barrhorn im Sommer immerhin einmal in Betracht zu ziehen.

 

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Steile Sache für steile Kerle - und nur saubere Spitzkehren

 

 

Mein Rucksack wurde von Tag zu Tag leichter. Das war als untrügerisches Zeichen dafür zu werten, dass nicht nur mein Proviant langsam aber sicher zur Neige ging, aber auch eben unsere Skitourenwoche. Ja, es war so; der letzte Tag brach an. Er bescherte uns nochmals eine wunderbare, aber eher selten begangene Route von der Turtmannhütte nach St. Niklaus im Mattertal. Sie war bespickt mit drei Aufstiegen und ebenso vielen Abfahrten. Natürlich musste man immer wieder absteigen, Felle aufziehen. Das Gebirge war einzig artig. Wir hatten zwei Steilhänge zu erklimmen. Adi redete uns ins Gewissen: “Ich will nur saubere Spitzkehren sehen und keine „schlufigen“. Wir taten unser Bestes, und ich bin sicher, dass Adi sogar heute noch ob unseres Könnens staunt. Adi entpuppte sich überhaupt als ein besonders gewissenhafter Mensch. Wenn er von der Turtmannhütte zum Gletscher empor sah, wollte er nur kunstvoll angelegte Abfahrtsspuren sehen. Man konnte den Stolz buchstäblich lesen in Adi’s braun gebranntem Gesicht. Iwan konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Unterwegs bestiegen wir noch das Wasuhorn. Wir schlossen die Woche mit einem sicher etwa 500m langen Steilhang ab. Nachher folgte eine eher mühsame Weiterfahrt erst durch Bruchharst, dann durch aufgeweichten und tiefen Sulzschnee bis zur Luftseilbahn.

 

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Kurz vor dem Wasuhoru am letzten Tag

 

 

Der Rest ist bekannt: mit der  Seilbahn nach St. Niklaus, mit dem Zug nach Zürich. Am Bahnhof in Zürich sprach mit eine ältere Dame an: „jäh, hät’s denn no Schnee gha?“. Ja, es hatte welchen im Überfluss, und er war wunderbar. Liebe Kollegen und Kolleginnen vom Zimmerberg. Die Skitouren mit Euch wachsen mir langsam aber sicher ans Herz. Es hat mir wieder super gefallen. Bis aufs nächste Jahr oder auf eine Sommertour. Adi und Iwan, Ihr seid super Bergführer, herzlichen Dank.

 

 

Fotos: Rolf Etter

Text: Christof Jud


 
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Hütten Koordinaten:
Eigentümer SAC Zimmerberg, 8810 Horgen
Höhe ü. Meer: 2208m
Schlafplätze 60
Winterraum 20

Anreise Intschi:
Ausgangspunkte:
Arnisee (Seilbahn Intschi oder Amsteg) (Sommer und Winter) Fahrplan
Intschi (Bus)(Sommer und Winter) Fahrplan 
 
Zustiege:
Intschi - Arnisee - Leitschach
2 h 30'  vom Arnisee
5 h von Intschi T2

GPS-Touren:
Touren zum Herunterladen unter www.gps-tracks.com